23.02.09

Freies Feature, gesendet im Bayerischen Rundfunk

 

Vom Tier zum Fürchten

Mit gebratener Leber fing es an. Mit dem leicht angebrannten Geruch, dem Fleisch, das sich in der Pfanne vor Schmerzen zusammenzog und nach oben wölbte - um dann umgedreht, gnadenlos wieder nach unten gedrückt und platt gemacht zu werden. Dazu die obligatorischen Zwiebelringe, der einzige Lichtblick, Kartoffelbrei und flüssige Butter, die in kleinen Bächen weinte. Und dann der erste Biss in dieses ledrige Etwas, das, zäh, nach weiterer Zerkleinerung verlangte. Nein, ohne mich – mit viel Kartoffelbrei umhüllt rutscht es ganz gut die Kehle hinunter. In einem Stück.

Ich war neun, als ich zu ahnen begann, dass die Scheibe schmackhafter Gelbwurst, die mir die Metzgersfrau beim Einkaufen kinderlieb über die Theke reichte, eine Sache war. Und die Innereien eines Tieres eben keine andere, sondern die gleiche.

Dann, den Schock der Leber noch im Gaumen, die Niere: die aussah wie aneinandergeklebte Puddingteilchen, wie Hirnmasse; in der Farbe wie das, das man hinter sich lässt. Sie wackelte heftig hin und her, versuchte meine Mutter mit einem zu stumpfen Messer, sie von dem zu trennen, was mir das schiere Entsetzen in den Gaumen trieb, hatte sie etwas davon übersehen: Sehnen, so schien es mir, weiß wie die Milch, in die die kleinen Nierenstücke eingelegt wurden. Da schwammen sie dann; dunkel und unheilvoll schimmerten sie unter der schneeweißen Milchoberfläche. Fragte ich meine Mutter angewidert nach dem Warum für diese Maßnahme, erklärte sie mir, dass die Niere so weicher würde, zarter. Ich glaubte ihr nicht.

Die Geschmackstarnung, die bei der Leber erfolgreich war, erwies sich bei der Niere als vergeblich. Denn als Dreingabe gab es nicht den geliebten Kartoffelbrei sondern Nudeln. Die gekaut werden mussten. Und mit ihnen die Niere. Nein meine Niere esse ich nicht.

Eine Zeitlang konnte ich aufatmen. Meine Mutter hatte Erbarmen mit ihrem Kind, das keine kalte Leber und kein noch kälteres Nierenragout essen wollte. Weil aber der Rest der Familie nach tierischem Eiweiß verlangte, machte sie sich auf die Suche nach Rezepten, die der ganzen Familie schmecken könnten. Wie hätte sie jemals ahnen können, dass sich meine Abneigung gegen Fleisch beim Fisch multiplizieren sollte? Spanische Fischpfanne hieß das Rezept, auserkoren, mich mit dem toten Tier zu versöhnen. Ich mochte die Oliven, und die mögen auch nicht alle Kinder, ich liebte die Tomaten und betete die Paprika an, aber dann waren da noch Sardellen, salzig und grätig. Ich ließ sie links liegen, um sie dann in den Magen meines Vaters wandern zu sehen. Meine Mutter jedoch konnte nicht verstehen, dass mich ein so leckeres, so extravagantes Gericht, schließlich war es 1973, da war ich dann schon elf Jahre alt, nicht glücklich machte.

Oh nein, liebe Mutti, machte es nicht. Und langsam aber stetig, mit jeder Mahlzeit, deren Zutaten einmal lebten, wurde aus mir ein Mensch, der nichts mehr isst, was Augen hatte. Ein weiterer Mahlzeit-Stein auf diesem Weg war ein Stück Fisch mit Kartoffeln und Soße. Gott sei dank, dachte ich, Soße zum Überdecken dieses unglückseligen Geschmacks. Was an sich in Ordnung gewesen wäre, hätte nicht auch die Konsistenz von Fisch so allerlei unangenehme Überraschungen zu bieten. All die kleinen Knöchelchen, die sich, durchsichtig schimmernd, einfach nicht von dem trennen wollten, was denn so lecker sein soll. Aber wartet, wenn ich es dann versuchen muss, weil gegessen wird, was auf den Tisch kommt, komme ich euch schon bei. Gut seziert ist halb gewonnen. Doch die Gräten wissen schon, warum sie kaum zu sehen sind, zudem noch biegsam. Damit sie nämlich meinem Messer kein bisschen Widerstand leisten und im zarten Hals eines Mädchens ein neues Zuhause finden, um ihm von dort aus das Leben zur Hölle zu machen. Wenn auch kurzzeitig. Der guten Ratschläge waren viele: Kind, Du musst viel trinken, Kind trank viel, die Gräte freute sich immer noch über ihre gute Aussicht. Kind, iß was, Kind aß was, die Gräte fand’s lecker. Bis sie dann doch irgendwann Erbarmen hatte und ihres natürlichen Weges ging. Zu spät.

Einige Jahre später war’s, da kam es dann wie es kommen musste. Seine Augen waren so blau wie das Meer und ließen mich vergessen, dass sein Magen jeden Tag Schnitzel und Steak befahl. So stand ich, nicht nur allen Feminismus hinter mir gelassen, am Herd und briet Schnitzel. Meine Rouladen wurden berühmt und die Hackfleischsauce war allseits begehrt. Bis mein suchender Blick im Supermarkt bei uns um die Ecke von den quadratisch-praktisch-gut-Packungen zufällig eine Regalschiene höher rutschte - nach zigfachen Schnitzeln und Koteletts, die ich monatelang in den Einkaufswagen geladen hatte. Die Erinnerung an das Schaudern, das mich beim Anblick der Schweinefüße, Schweineohren und Schweineschwänze befiel, ist noch immer ziemlich lebendig. Auch der Ekel, der sich beim Betrachten der verbliebenen Borsten einer Haxe einstellte, die das damalige Objekt meiner Begierde hingebungsvoll verzehrte.

Irgendwann waren die Augen dann nicht mehr so blau und es war mit der Beziehung vorbei und damit auch mit meinen begehrten Rouladen. Wir trollten uns unserer Wege und seine Rouladen rollte er fortan alleine.

Danach war ich nie wieder so blauäugig, als dass ich nicht an die Augen dessen dachte, was im heißen Fett der Pfanne vor Schmerzen zu schreien schien. Heute gibt es bei mir nur noch vegetarisch. Alle finden es lecker. Und wenn’s nur deshalb ist, weil sie sich am nächsten Tag ein Steak in die Pfanne hauen.

Nur wenn mein Chef beim Araber von Hammelhoden schwärmt und mit leuchtenden Augen auf einen Alubehälter mit einem Haufen dieser Dinger zeigt, um sich dann noch in Erläuterungen ob dieser Köstlichkeit zu ergehen, kehrt das Ekelgefühl zurück und verschafft sich lautstark Gehör. Und was tut mein Chef? Er grinst und bemerkt mit entsprechend süffisantem Lächeln, wie gut das Leder meiner Jacke riecht.

 

Gesendet im Bayerischen Rundfunk, 2. Programm, „Sonntagsbeilage“